Bert Gstettner und sein Tanz*Hotel
Zur ersten Etappe der aufstrebenden Choreographen gehören Bert Gstettner, Elio Gervasi und Willi Dorner;
später hinzu kamen das Choreographen-Duo Roderich Madl und Doris Ebner, Paul Wenninger, Christine Gaigg
und Saskia Hölbling. Auf einsamen Posten, im fernen Kärnten, kämpfte währenddessen Zdravko Haderlap
mit seinem provokanten Tanztheater Ikarus.
Bert Gstettners Werkliste reicht bis in das Jahr 1984 zurück.
Zu Beginn waren es kleinere Arbeiten, Soli, Duette, mit denen er auf sich aufmerksam machte.
Damals war schon sein Hang zum Skurrilen, zur Groteske, zu stark verzerrtem Körperausdruck bemerkbar.
Oft bezog er das Publikum aktiv in den Ablauf seiner Performances ein wie in den gemeinsam mit Silvia Both
geschaffenen Duetten Double Tilt (1989), das sich im Stiegenhaus des WUK abspielte, und Balkonkontrast (1990).
Gstettners vielseitige Ausbildung er hatte unter anderem in New York bei Erick Hawkins,
einem der Pioniere des amerikanischen Modern Dance, studiert, sich weiters mit außereuropäischen Theaterformen
und südosteuropäischen Volkstanz beschäftigt kam immer mehr zum Tragen. Ethnische Elemente fanden Einzug
in sein erstes Langzeitprojekt Labyrinth-Triptychon (1988-90), das die Minotaurus-Sage behandelte.
1992 adaptierte Bert Gstettner mit seinen Mitstreitern eine ehemalige Fabrik in Wien-Favoriten, wo bis heute
seine Truppe, Tanz*Hotel, residiert und mit zeitgenössischen Komponisten, Bühnen- und Kostümbildnern
zusammenarbeitet. Raumgestaltung, überzeichnete, mitunter die Motorik beeinträchtigende Kostüme
und symbolische Requisiten sind ihm von zentraler Bedeutung. Jeder Tanz*Hotel-Produktion geht eine
intensive thematische Recherche voraus: In Angelo*Soliman (1996) beschäftigte er sich
mit der im 18. Jahrhundert von Gasparo Angiolini und Jean Georges Noverre entwickelten Form des
<Ballet d´action>; In Il*Libro*Mio (1998) wandelte er auf den Spuren des Florentiner Manieristen
Pontormo; Cut*A*Way (1999) war als Streifzug durch die Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts konzipiert.
Daneben hat er auch multimediale Performances kreiert und für seine Events artfremde Lokalitäten aufgespürt.
Das Bühnenstück Time*Sailors (1995) brachte er 1998 in einer mehrere Tage lang dauernden,
virtuellen Zeitreise als interdisziplinäres Dance Environment auf der Kaiserbadschleuse
am Wiener Donaukanal zur Aufführung.
österreich tanzt, Geschichte und Gegenwart, Andrea Amort, Mimi Wunderer-Gosch (Hg.),
böhlau verlag wien, 2001
